“Herr Kachelmann sitzt in Untersuchungshaft, weil er seine langjährige Freundin vergewaltigt haben soll.” Der Satz zeigt, wie ein über Jahre aufgebautes und gepflegtes Image mit gerade mal einem einzigen Satz zerstört werden kann. Das ist die Stunde der Krisenkommunikation. Eine Analyse.
Die Ausgangslage ist klar: derzeit ist nichts gewiss. Alles was wir wissen, sind Verlautbarungen involvierter Parteien. Es steht Aussage gegen Aussage. Also gilt die Unschuldsvermutung.
Doch nicht der juristische Stand der Dinge ist weder jetzt noch nach dem Prozess von Interesse, sondern das, was das breite Publikum dem Herrn Kachelmann zu unterstellen bereit ist. Dass derzeit links und rechts die Missbrauchsfälle nur so explodieren, gibt dem Fall eine aktuelle Brisanz. Denn: Oh Gott, jetzt auch noch der Kachelmann!
So ist es nicht erstaunlich, dass man dem lässig-lockeren und ewig-jugendlichen Schweizer Wetterinterpreten, dem Langzeittraum deutscher Schwiegermütter, eine solche Tat durchaus zutraut.
Zur allgemeinen Nachrichtenlage kommt hinzu, dass Herr Kachelmann, anders als andere TV-Promis, bis diese Woche sein Privatleben erfolgreich neugierigen Journalistenblicken entzogen hat. Was ja durchaus sympathisch ist.
Doch in einer solchen Krisensituation ist das ein entscheidender Nachteil.
Denn wir sehen zwei Folgen: Zum einen den Gegenschlag der einschlägigen Medien, die nun endlich einen Zipfel privater Jörg Kachelmann zu fassen bekommen und erst noch einen sehr schmutzigen - “ein knallharter Streber mit dem einlullenden Charme eines Altenpflegers” (BLICK am Abend) – und zum anderen das Problem des Publikums, aufgrund des in den Medien bisher nicht vorhandenen Privatmanns Kachelmann spontan positive Bilder dieses Privatmanns abrufen zu können.
Da ist nichts als eine blanke weisse Wand, auf die ein pechschwarzes Bild projiziert werden kann.
Auf der anderen Seite ist eine unbekannte junge Frau, die als langjährige Freundin bezeichnet wird und damit einen ersten Bonus erhält und die – zweiter Bonus – den Vorteil hat, nicht in einer Grossstadt zu wohnen, sondern in einem Städtchen mit schon vom Klang her hohem Niedlichkeitsfaktor: Schwetzingen.
Die geduldige Geliebte eines prominenten Pendlers in der Provinz.
Doch von Gewicht ist, dass die Frau nach dem (behaupteten) sexuellen Übergriff das einzig richtige getan hat, zur Polizei ging und Anzeige erstattete.
Die Faktenlage: Der Anwalt Kachelmanns sagt: Alles frei erfunden, die Vorwürfe sind haltlos. Der Anwalt der jungen Frau sagt: Die Gerichtsmedizin habe die Vergewaltigung bestätigt. Das ist das bislang stärkste Argument.
Herr Kachelmann muss nach einer kurzen, aber intensiven Auslegeordnung seines Lebens zum Schluss kommen, dass seine Fernsehkarriere, der öffentliche Kachelmann, nicht zu retten ist. Also kann es nur noch darum gehen, zu verhindern, dass seine Firma untergeht.
Vor diesem Hintergrund gibt es für Herrn Kachelmann nur drei Handlungsmöglichkeiten:
- Er bestreitet die Tat, baut seine Verteidigung darauf auf – und verliert.
- Er gibt die Tat zu, entschuldigt sich und stellt sie glaubwürdig als einmaligen Aussetzer dar (Aussage Gegenanwalt: “in der elfjährigen Beziehung nie zu Gewalttaten gekommen.”), nimmt die Haftstrafe auf sich, bezahlt ein hohes Schmerzensgeld und unterzieht sich einer Therapie.
- Er bestreitet die Tat und es gelingt seinem Anwalt, die Frau als kranke Lügnerin zu entlarven.
Sollte die Faktenlage tatsächlich so sein, wie vom Anwalt von Kachelmanns Freundin dargestellt, dann kommt nur Nr. 2 infrage. Je rascher er das einsieht, desto besser für sein neues Leben danach.
PS: Es gäbe da noch eine vierte Möglichkeit: Die Frau zieht die Anzeige zurück und die beiden heiraten.


Treffend analysiert, Gratulation!
Das ist die erste Analyse und Auseinandersetzung mit dem Thema, die dem Thema gerecht wird. Gut!
so stelle ich mir meinen Berater vor, wenn ich in derselben Situation wäre. Analyse, Fazit, Optionen und TUN.
Vielen Dank fuer die Analyse. – Mit der Variante 4 koennte er wohl auch seine Karriere retten?
Denke ja. Allerdings nach einer ausgiebigen Tour durch alle Talkshows (wollen wir das wirklich?).
MMs thematische Diversifikation – weg vom Climagate-Eintopf – lässt ganz neue Qualitäten zutage treten!
Wieso fragt Mann die Frau eigentlich nie vorher und wartet ihr Ja ab?